Leseprobe Forever Lizzy 






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                      Lizzy

 

 

 

Das Einzige, was vielleicht besonders an mir ist, bist du...

(aus dem Film Große Erwartungen)

 

 

 

Silky Oaks, August 2008

 

Wenn du drei Wünsche frei hättest, was würdest du dir wünschen?“

Ich lag mit Sam im Gras am Ufer des Lake Heaven, der an Silky Oaks grenzte, versteckt zwischen Ahornbäumen und Haselnusssträuchern und beobachtete mit ihm den klaren Sternenhimmel. Die Luft war mild wie es sich für eine Augustnacht in den Südstaaten gehörte. Dieser Moment war perfekt. Ich lag mit dem Mann, den ich über alles liebte, an dem schönsten Platz dieser Erde. Hier an diesem See hatte ich mit meinem Dad die wundervollsten Stunden meiner Kindheit verbracht. Wir hatten zusammen in den Morgenstunden am See geangelt, heimlich den Kirschkuchen von der Küchenfensterbank geklaut oder waren mit dem Fahrrad durch den Wald gefahren. Bei Dad war ich einfach nur seine kleine Liz. Bei ihm fühlte ich mich geborgen und geliebt. So wie hier bei Sam.

Bei ihm spürte ich dieses Flattern im Bauch und eine Welle puren Glücks durchströmte meinen Körper. Sam war meine große Liebe. Er war es schon immer gewesen. Ich hatte mich in ihn verliebt, als ich zwölf und er sechzehn gewesen war. Zwei Jahre später war ich bereits rettungslos verloren,  aber es schien mir sicherer, ihn aus der Entfernung anzuhimmeln. Und kurz nach meinem sechzehnten Geburtstag, küsste er mich zum ersten Mal. Seine schwarzen Haare,  die ihm ständig ins Gesicht hingen, und sein atemberaubender Körper machten aus Sam einen unglaublich attraktiven Mann. Er hatte schokoladenbraune Augen, die bis auf den Grund meiner Seele blicken konnten und ein Lächeln, das mich alle Sorgen dieser Welt vergessen ließ.  Sam blickte mich an und streckte die Hand aus, um mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen.

„Dich, dich und immer nur dich“, flüsterte er.

Verwirrt schüttelte ich den Kopf. „Aber du hast mich doch schon.“

„Für immer.“ Ich sah das Glitzern in seinen Augen. In diesem Blick spiegelten sich all seine Gefühle. Liebe. Zuneigung. Vertrauen. Sein Daumen strich über meine Unterlippe. „Sam liebt Lizzy und Lizzy liebt Sam“, flüsterte er. Es war unser Spruch. Unser Lizzy-und-Sam-Liebesschwur.

Sofort setzte das Prickeln auf meiner Haut wieder ein. Wir sahen uns in die Augen und es kam mir vor, als hätte jemand die Zeit still stehen lassen.

Es gab nur noch Sam, mich und das Universum.

„Für immer“, gab ich leise zurück, legte die Hand in seinen Nacken und zog ihn zu mir herunter. Seine Lippen pressten sich auf meine und seine Zunge glitt langsam über meine Unterlippe. Mit einem Seufzen öffnete ich meinen Mund und sofort begann seine Zunge meinen Mund zu erforschen. Sein Duft und seine warmen Hände, die mich festhielten –  das alles überwältigte mich. Meine Hand schloss sich fester um seinen Nacken. Sein leises Stöhnen löste ein Kribbeln in meinem Bauch aus, als wäre eine Kavallerie aus tausend Ameisen darin unterwegs. Es wanderte durch meinen ganzen Körper und explodierte in meinem Bauch. Der Kuss wurde immer leidenschaftlicher, bis Sam sich schwer atmend von mir löste.

„Lizzy, wenn du immer noch vorhast, dass wir unseren Plan heute Nacht durchziehen, sollten wir jetzt aufhören. Sonst garantiere ich für nichts.“ Seine Stimme klang rau und jagte kleine Stromstöße durch meinen Körper. Wie sehr ich mir auch wünschte, wir könnten hier, unter freiem Himmel weitermachen, so wusste ich doch, dass er Recht hatte. Würden wir uns jetzt hier lieben, könnten wir unseren Plan vergessen.

Ich spürte die Hitze in meinem Gesicht und lächelte, als ich sein zerzaustes Haar betrachtete. Er sah so aus, als wäre er gerade eben aus dem Bett gestiegen. Sam stand auf, griff nach meiner Hand und zog mich zu sich nach oben.

„Du hast doch noch vor mit mir abzuhauen, oder?“, fragte er und für einen Moment bildete ich mir ein, Unsicherheit aus seiner Stimme heraus zu hören. Allerdings verwarf ich diesen Gedanken sofort wieder. Unsicherheit in Verbindung mit Samuel Jonathan Brown zu bringen war absolut irrsinnig.

„Natürlich.“ Sanft strich ich ihm über das stoppelige Kinn. „Wir werden verschwinden und in New York ein neues Leben beginnen.“  Weg von hier. Von meiner Familie. Von dieser einfältigen Stadt. Sie alle waren nur darauf aus, sich in unser Leben einzumischen und mein Leben zu zerstören, indem sie Sam schlecht redeten. Für mich spielte es keine Rolle, dass er in einem Waisenhaus groß geworden war und schon früh lernte musste, sich allein durchs Leben zu schlagen. Sams Eltern waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen und bis auf einen Großonkel, der in Philadelphia lebte und sich nicht für Sam interessierte, gab es keine Verwandten. Ich glaubte auch nicht an die Lügen, die in unserer kleinen Stadt erzählt wurden, dass Sam ein Dieb sei und er nur hinter mir her wäre, um sich die reiche Tochter von Silky Oaks zu angeln. In den Leben der Menschen in dieser grauenhaften Stadt und ganz besonders in meiner Familie spielte Geld schon immer eine verdammt große Rolle. Aber nicht in meinem.

„Wir werden dieser verdammten Stadt in den Arsch treten, Sam. In New York werden wir unseren eigenen Laden eröffnen und sie werden es bereuen, dass sie nicht an uns geglaubt haben.“

Sam legte eine Hand um meine Taille und zog mich noch näher an sich heran.

„Meine kleine Wildkatze. Ich bin mir sicher, du wirst ihnen allen die Augen auskratzen.“ Er nahm eine meiner Haarsträhnen und strich sie mir aus dem Gesicht. „Aber mir gefällt der Gedanke nicht, dass du meine Kämpfe für mich austrägst.“ Ich legte den Kopf in den Nacken, um ihm in die Augen sehen zu können. „Ich mag es nicht, wenn sie dich ungerecht behandeln. Und ihre Vorurteile finde ich zum kotzen! Warum können sie dich nicht so sehen, wie ich dich sehe?“

Ich lächelte und sah in Sams wunderschönes Gesicht. Seine Augen glitzerten und er senkte den Blick.

„Und wie siehst du mich?“

„Nun ja“, zärtlich strich ich mit meiner Fingerspitze über seine Bartstoppeln. „Erst einmal hörst du mir zu und beschützt mich.“ Ich biss mir auf die Unterlippe und grinste zu ihm hoch. „Außerdem bist du ehrlich und unglaublich sensibel. Du weinst du bei Stadt der Engel. Ich habe dich beobachtet.“

Sam umfasste mit beiden Händen meinen Hintern. „Mit anderen Worten –  ich bin ein Weichei.“

„Nein!“, protestierte ich und schlug ihn auf die Brust. „Du bist unglaublich sexy und der Traummann jeder Frau. Ich habe Mrs. Miller gesehen, wie sie dich mit ihren Augen verschlungen hat, als du Dr. Jacksons Jeep repariert hast. Ich schwöre dir, sie hat gesabbert.“

Er lachte leise und schüttelte den Kopf. „Mrs. Miller ist zweiundneunzig Jahre alt.“

„Na und?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Das beweist nur, dass du der Traummann wirklich jeder Frau bist. Außerdem…“, ich bemerkte, wie mir bei meinen Gedanken, die Röte in die Wangen schoss.

„Außerdem?“, flüsterte Sam und ich spürte seinen warmen Atem an meinem Ohr. Gott, wie ich diesen Mann liebte.

„ …kannst du unglaubliche Dinge mit deiner Zunge anstellen.“

„Hmm…“, knurrte Sam und biss mir sanft in den Hals. „Das gefällt mir schon viel besser.“ Dann lag sein Mund plötzlich auf meinen Lippen und er küsste mich. Sanft und unglaublich zärtlich. Es war ein wunderbarer Augenblick, bis meine Mutter ihn schließlich zerstörte.

„Elizabeth Lewis. Komm sofort nach Hause!“ Glasklar drang die Stimme meiner Mom zu uns hinüber. Sie war gefüllt von unbändiger Wut. Wie ein Tornado, der sich über den Köpfen befindet und alles mitreißt, dass nicht niet- und nagelfest ist. Sofort ließ Sam mich los und ich kicherte, als ich sein entsetztes Gesicht sah. Meine Mutter hatte auf Sam dieselbe Wirkung wie ein Haufen wild gewordener Zombies.

„Du solltest besser gehen, ehe sie noch Verdacht schöpft.“ Sam ging einen Schritt zurück, hielt aber weiterhin meine Hände. „Wir treffen uns um Mitternacht wieder hier, in Ordnung?“ Er atmete schwer und ich konnte es ihm nicht verdenken. Mir ging es ja genauso. Nur der Gedanke, in wenigen Stunden für immer mit ihm zusammen sein zu können, ließ mich ruhig und gelassen sein. Sam warf einen Blick auf seine Armbanduhr und grinste. „Noch drei Stunden, zweiundzwanzig Minuten und zehn Sekunden, dann darf ich dich küssen, wo und wann immer ich möchte.“

„Nur küssen?“ fragte ich unschuldig und zog meine Unterlippe ein wenig nach vorne, so dass ich wie ein schmollendes Kleinkind wirken musste.

„Glaub mir, kleine Wildkatze. Ich werde jede einzelne, verdammte Stelle auf deinem wundervollen Körper küssen und du wirst um Gnade flehen, bis ich mit dir fertig bin. Und ich werde jede Sekunde davon genießen.“ Dann zog er mich noch einmal an sich heran und küsste mich auf die Stirn, bevor er in der Dunkelheit verschwand. Ich konnte es nicht erwarten, endlich für immer mit Sam zusammen zu sein. Gemeinsam mit ihm in New York zu wohnen, war das perfekte Leben für mich.

Ich schlüpfte durch das Gebüsch und lief zurück nach Hause. Schnell sprang ich die vielen Stufen der imposanten Steintreppe hinauf. Mom legte sehr viel Wert auf ihr Image und das Einzige, das für sie zählte, war nun mal, die reiche Großgrundbesitzerin von Silky Oaks zu sein. Wieder einmal wurde mir bewusst, wie unterschiedlich wir doch waren. All das bedeutete mir nichts.

„Liz, was tust du denn so spät noch hier draußen?“ Eine Autotür wurde zugeschlagen und eine vertraute Stimme klang an mein Ohr. Ich drehte mich um und sah Charly um sein nagelneues, knallrotes BMW-Cabriolet herumgehen.

„Das sollte ich wohl eher dich fragen”, sagte ich überrascht. Langsam ging ich auf ihn zu und warf dabei immer wieder einen Blick über die Schulter. Was tat er hier? Ich nahm Charly bei der Hand und zog ihn zu seinem Wagen zurück. „Was um Himmels Willen tust du hier?”, flüsterte ich. “Wir wollten uns doch in drei Stunden am Flughafen treffen!“

Charly Mitchell war der Sohn von Moms Anwalt und mein Freund aus Kindertagen. Mein einziger Freund. Während ich für die anderen nur die verwöhnte Göre war, hielt Charly immer zu mir. Da er allerdings seit zwei Jahren an der UCSF, der University of California in San Francisco, Jura studierte, verbrachten wir nur noch wenig Zeit miteinander. Eigentlich sahen wir uns nur noch zu Veranstaltungen, zu der meine Mutter einlud. Charly litt ebenso wie ich unter unserer Trennung und daher hatte er sich dazu entschlossen, ab sofort an der University of New York zu studieren. Ich wusste, dass Charly mehr als nur Freundschaft für mich empfand. Aber das beruhte nicht auf Gegenseitigkeit. Charly war mein bester Freund, Sam meine große Liebe. Sam hatte ich von Charlys Plänen allerdings noch nichts erzählt. Bisher hatte ich es nicht übers Herz gebracht, es ihm zu sagen. Ich wusste nicht, wie er reagieren würde.

„Ich habe noch etwas zu erledigen.“ Er stockte einen Moment und blickte zur Haustür, bevor er sich wieder mir zuwandte. „Wo ist Sam?“

„Er ist nach Hause gelaufen, um seine Sachen zu holen. Oh Charly, ich kann es gar nicht erwarten, endlich wegzukommen.“

Charly legte einen Arm um meine Taille und zog mich etwas zu sich. Es störte mich nicht, wenn er mich so berührte. Während Sam allein mit seinem Blick dazu im Stande war, dass mein Herz wie eine Buschtrommel wild gegen meine Brust schlug, spürte ich bei Charly nur eine warme Brise. Er war und blieb mein bester Freund.

„Was hat er dazu gesagt, dass ich mitkommen werde?“ Ich biss mir auf die Unterlippe, starrte zu Boden und scharrte verlegen etwas Kies mit meinem Turnschuh zur Seite. Charly stöhnte auf und griff unter mein Kinn, um es anzuheben.

„Du hast ihm nichts gesagt, stimmt’ s?“ Mit zusammengekniffenen Lippen schüttelte ich den Kopf.

„Na toll. Er wird ausrasten, wenn er es erfährt, das ist dir doch hoffentlich klar!“

„Er wird es verstehen. Warum solltest du unglücklich in San Francisco vor dich hinbrüten, wenn du in New York bei uns sein kannst? Wir sind doch Freunde!“

Charly schüttelte energisch den Kopf. „Sam und ich sind keine Freunde und wir werden auch nie welche sein, Liz.“

„Aber warum nicht?“ Trotzig verschränkte ich die Arme vor meiner Brust und starrte Charly an.

„Weil er etwas besitzt, das mir gehört. Und wir sind beide nicht bereit zu teilen.“ Obwohl Charly sich absolut ernst anhörte, musste ich grinsen. Er betrachtete mich immer wie seine kleine Schwester und verteidigte mich vor allem und jedem. Bisher hatte ich dies auch immer genossen, aber bei Sam war es wirklich nicht nötig. Ich liebte Sam und Sam liebte mich. Niemals käme er auch nur auf den Gedanken, mich zu verletzen.

„Hör auf damit, Charly!“, fuhr ich ihn an und boxte ihn auf die Schulter. „Behandle mich nicht immer wie ein kleines Mädchen. Ich bin erwachsen und Sam liebt mich. Du musst dir keine Sorgen machen, er ist gut zu mir. Ich bin so glücklich wie nie zuvor!“ Charly fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und kniff die Augen zusammen.

„Ich sehe dich ganz und gar nicht als kleines Mädchen, Liz. Sam und du, ihr passt einfach nicht zusammen. Du weißt, was ich von ihm halte und was die Leute über ihn sagen.“

„Charly!” Mit einem Mal klang meine Stimme eine Oktave höher. „Hör endlich auf damit, sonst spreche ich nie wieder ein Wort mit dir. Die Leute können sagen, was immer sie wollen, nichts und niemand wird Sam und mich auseinanderbringen, verstehst du? Nicht einmal du!“ Mein Körper zitterte und meine rechte Hand schmerzte. Ich hatte nicht bemerkt, wie ich vor lauter Wut die Fäuste geballt und meine Fingernägel tief in die Haut gebohrt hatte. Es machte mich rasend, dass ausgerechnet Charly schlecht über Sam dachte.

„Ich liebe dich, Charly, das weißt du”, meine Stimme zitterte. „Du bist mein bester Freund, aber zwing mich nicht, zwischen dir und Sam zu wählen.“ Ich musste schlucken, um die Tränen zurückzuhalten. Wenn ich die Worte erst ausgesprochen hatte, konnte ich sie nicht mehr zurücknehmen. Ich zuckte zusammen und senkte den Blick. „Ich würde mich für ihn entscheiden. Ich liebe ihn.“ Wenn ich mich bisher unter Kontrolle gehabt hatte, so sprudelte jetzt alles aus mir heraus. Verstohlen blickte ich mich zum Haus um. Mich ließ das Gefühl nicht los, dass uns jemand beobachtete.

Charly starrte mich einige Sekunden lang an, ehe er die Augen schloss und seine Stirn an meine lehnte. „Ich weiß, Süße. Ich verstehe es zwar nicht, aber ich komme damit klar.“

Ich nickte und kämpfte die Tränen hinunter, die sich jetzt doch ihren Weg nach außen bahnten. Dann löste ich mich von Charly und trat einen Schritt zurück. „In Ordnung. Dann gehe ich jetzt zu meiner Mutter und wir treffen uns später am Flughafen.“

Zögernd drehte ich mich um, zwang meine Füße, sich zu bewegen und lief die Treppe nach oben. Aus irgendeinem Grund wollte ich nicht länger in Charlys Nähe sein. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass sich zwischen uns etwas geändert hatte und dieser Gedanke erschreckte mich. Ich zuckte zusammen, als die Autotür zugeschlagen wurde. Kurz darauf heulte der Motor auf, dann fuhr der Wagen davon.

„Hallo Michael, wissen Sie, wo meine Mutter ist?“, fragte ich unseren Butler, der gerade in diesem Moment die Tür für mich öffnete. Michael trug einen schwarzen Anzug mit perfekt sitzender Weste und glänzenden Lackschuhen. Seine Haare waren so kurz geschoren, dass man die Kopfhaut erkennen konnte. Manchmal kam es mir so vor, als ob Michael ungewöhnliche Fähigkeiten besaß. Als kleines Mädchen hatte ich ihm die verrücktesten Fragen gestellt und er überraschte mich immer mit der Antwort, bevor ich die Frage überhaupt zu Ende gestellt hatte. Meine Mutter lachte immer über meine Gedanken, aber irgendwie wurde ich das seltsame Gefühl nicht los, dass Michael nicht ganz richtig im Kopf war.

„Ihre Mutter hat auf sie gewartet.” Michael trat einen Schritt nach vorne und beugte sich näher zu mir heran. „Sie kocht vor Wut. Ihre Mutter erwartet Sie nun in ihrem Arbeitszimmer, Miss Elizabeth.“ Michael verbeugte sich vor mir.

„Danke“, stieß ich hervor und lief direkt über den langen Gang zu Moms Arbeitszimmer. Was auch immer meine Mutter von mir wollte, ich musste nur noch drei lange Stunden überstehen, ehe ich mit Sam abhauen konnte. Ich stieß die Tür zum Arbeitszimmer auf, ohne vorher anzuklopfen. Meine Mutter erwartete mich sowieso, warum sich also mit Etikette aufhalten. Zumal ich wusste, dass sie diese Unachtsamkeit hasste und genau aus diesem Grund war es mir egal.

Mom stand am Fenster und rührte sich nicht, als ich hereinkam, aber als mein Blick auf ihren Schreibtisch fiel, blieb mir vor Schreck das Herz stehen. Ich konnte mich keinen Meter mehr bewegen. Mein Herz trommelte wie ein Presslufthammer gegen meine Brust, als ich die Flugtickets nach New York, meinen Reisepass und ein kleines Buch, das verdächtig nach meinem Tagebuch aussah, erkannte. Während ich noch fassungslos darauf starrte, nahm ich ihre Stimme kaum war.

„Hast du gedacht, du könntest dich einfach so davonstehlen, ohne dich zu verabschieden?“ Ihre Worte klangen eisig und ganz langsam drehte sie sich zu mir herum. Caroline Lewis gehörte zu den Frauen, die man nicht als emotional und liebenswert bezeichnen würde. Sie erinnerte mich an Bree aus Desperate Housewives. Perfekt, perfekt und nochmals perfekt. Auch schön gehörte nicht zu den Worten, mit denen ich sie beschrieben hätte. Ihre pechschwarzen Haare, die ich von ihr geerbt hatte, trug sie zu einem streng nach hinten gebundenen Knoten, der mich immer an meine Grundschullehrerin, Miss Summers, erinnerte. Die Lieblingsfarbe meiner Mom blieb seit Jahren ein langweiliges mausgrau und danach wählte sie auch ihre Kleidung, die mich ebenfalls an Miss Summers erinnerte. Ihre hellblauen Augen glichen Eiszapfen. Früher, als mein Vater noch bei uns lebte, schien sie ein lebensfroher und glücklicher Mensch gewesen zu sein, aber nachdem er gegangen war, hatte sie sich geändert. Niemand mehr durfte seinen Namen erwähnen. Mom hatte jegliche Erinnerungsstücke an meinen Dad vernichtet. Nirgends konnte man ein Bild von ihm sehen. Sogar seine Taschenuhr hatte Mom dem jährlichen Wohltätigkeitsbasar für das Waisenhaus gespendet. Für Mom war mein Vater bereits in jener Nacht, als er uns verließ, gestorben.

„Das sind meine Sachen. Verrätst du mir, woher du sie hast?“ Ich bemühte mich, nicht laut loszuschreien. Ich hatte sie so versteckt, dass niemand sie finden konnte. Es musste also jemand in den letzten Stunden mein Zimmer auf den Kopf gestellt haben. Oder mich dabei beobachtet, wie ich es versteckt hatte. Ich tippte auf Letzteres.

„Das ist unwichtig!“ Mit einer barschen Handbewegung wischte sie meine Frage beiseite. „Wolltest du tatsächlich verschwinden, Elizabeth?“

„Ich hatte es nicht vor“, sagte ich so energisch wie ich konnte. Nur nicht einschüchtern lassen. Ich war achtzehn Jahre alt und kein kleines Kind mehr. Wenn ich gehen wollte, konnte ich gehen. „Ich werde es immer noch tun.“

„Mit diesem Taugenichts? Was hat er dir versprochen? Ewige Liebe und Treue? Bist du so naiv und glaubst an seine Worte? Hast du denn gar nichts gelernt, Kind? Sam Brown hat es nur auf dein Geld abgesehen, Liz. Begreifst du das denn nicht?“

Mein Vater hatte mich immer Liz genannt. Mom sagte eigentlich immer nur Elizabeth. Dass sie es nun nicht tat, zeigte mir, dass sie auf meinen Vater anspielte, der uns verlassen hatte. Der gegangen war und mich zurückgelassen hatte.

„Nur, weil es zwischen dir und Dad nicht funktioniert hat, heißt es nicht, dass es zwischen mir und Sam nicht klappen wird. Dad wollte dein Geld nicht, deshalb ist er gegangen.

Er hat gespürt, dass dir die ganze Kohle immer wichtiger sein würde als er. Du hast ihn nie geliebt, Mom, daher weißt du nicht, wie es ist, wenn man jemanden aufrichtig liebt. Selbst James, diesen alten Sack, hast du nur geheiratet, damit die Leute nicht schlecht über dich reden.“ Meine Mutter hatte kurz nachdem mein Vater uns verlassen hatte, James Hall geheiratet, einen Multimillionär jenseits der Sechzig, der ihr den Hof gemacht hatte. Nach der Hochzeit wurde mir die Bedeutung des Sprichwortes Geld findet immer zu Geld zum ersten Mal so richtig bewusst.

„Sprich nicht so von James, junge Dame. Er war immer für uns da. Dank ihm hast du ein leichtes Leben, vergiss das nicht. Nimm dir ein Beispiel an Nicole, sie weiß ihr Leben zu schätzen.“

Oh mein Gott, stöhnte ich innerlich. Seit Jahren schon wurde ich mit meiner Stiefschwester, James' Tochter aus erster Ehe, verglichen. Nicole war klüger, schöner, liebenswerter als ich. In Moms Augen war sie perfekt, doch für mich war sie immer eine falsche Schlange gewesen.

„Du kannst sagen, was du willst, Mom. Ich werde meine Meinung nicht ändern. Sam und ich gehen nach New York.“

„Ach ja?“, ihre Stimme nahm einen seltsamen Ton an, als sie vom Fenster zu ihrem Schreibtisch ging. „Wie willst du dein Leben in New York denn finanzieren? Wollt ihr zwei arbeiten gehen? Als was? Als Hure mit ihrem Zuhälter?“

Ihre Worte verletzten mich tief, dennoch sollte sie mir nicht anmerken, wie sehr sie mich getroffen hatte.

„Nicht jeder auf dieser Welt muss Anwalt oder Arzt werden, Mom. Ich habe meine eigene Vorstellung von meinem Leben. Sieh dir Charly an, er geht mit uns nach New York und zieht sein eigenes Ding durch.“

„Aber Charly studiert Jura, finanziert sich seinen Unterhalt selbst und käme nicht einmal im Traum darauf, jemals auch nur einen Cent von dir anzunehmen. Was man von deinem Casanova nicht gerade behaupten kann.“

Ich schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Ich ertrug es einfach nicht mehr.

„Ich weiß, du kannst Sam nicht ausstehen, aber ich werde mit ihm gehen. Mit oder ohne deinen Segen.“

„Wenn du mit Sam gehst, bekommst du keinen Cent mehr von mir.“ Sie hielt ein Blatt Papier in die Luft und wedelte damit herum. „Siehst du das? Das ist mein Testament. Wenn du durch diese Tür gehst, werde ich dich enterben. “Ich atmete tief durch. Das hatte ich kommen sehen, aber trotzdem würde ich nicht klein beigeben. Ich brauchte ihre verdammte Kohle nicht.

„Behalte dein Geld. Ich will es nicht. Wir werden auch ohne auskommen.“ Ich war mir sicher, Sam und ich konnten es alleine schaffen.

Mom zog ihre Augenbrauen nach oben und auf ihrer Stirn bildete sich ein Faltenmeer, das furchtbar schmerzhaft aussah.

„Was glaubst du, was dein Sam dazu sagen wird, wenn er erfährt, dass du nur noch ein ganz normales Mädchen bist, bei der es nichts zu holen gibt? Ich bezweifle, dass er sich darüber freuen wird.“

Ich schnaubte und meine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Erzähl es ihm ruhig. Es wird ihm nichts ausmachen. Er liebt mich, nur mich allein. Nicht dein verdammtes Geld.“

Mom lächelte und betrachtete ihre langen, blutroten Fingernägel, ehe sie weiter sprach.

„Oh, ich glaube, James erledigt das gerade in diesen Minuten. Ich bin mir sicher, Sam wird begeistert sein, wenn er erfährt, dass seine reiche Partie jetzt nur noch arm wie eine Kirchenmaus ist.“

„Warum tust du mir das an, Mom? Willst du mich loswerden?“ Ich spürte Tränen aufsteigen, aber auf keinen Fall wollte ich jetzt vor ihr weinen.

„Ich möchte dass nicht, Elizabeth, aber ich will, dass du die Augen aufmachst und erkennst, dass es dieser junge Mann nur auf dein Geld abgesehen hat.“

Ihre Worte schnürten mir die Luft ab. Wie konnte eine Mutter nur so abfällig über die Gefühle ihre Tochter sprechen? War ich denn gar nichts für sie wert? Glaubte sie tatsächlich, dass ich nur einen Mann finden und halten konnte, solange ich Millionen besaß?

„Du bist nichts und du hast nichts, Elizabeth. Und sobald Sam das begreift, wird er das Weite suchen. Nenne mir einen Grund, warum er sonst bei dir bleiben sollte?“

Ich wollte die Worte nicht mehr hören. Ich wollte gar nichts mehr hören.

„Hat er dir gesagt, dass er dich liebt?“ Sie begann schrill zu lachen und es drang mir durch Mark und Bein. Ein wenig erinnerte sie mich in diesem Moment an Cruella de Vil aus dem Disneyklassiker 101 Dalmatiner. „Ich dachte nicht im Traum daran, dass ich ein romantisches, naives Gör großgezogen habe. Du bist wie dein Vater. Siehst in jedem Menschen nur das Gute, aber dies wird dir ganz schnell das Genick brechen, mein Kind. Glaube mir.“

„Ich werde trotzdem nicht bleiben. Jetzt nicht mehr“, flüsterte ich und schluckte die Tränen hinunter. Wenn ich anfangs ein schlechtes Gewissen gehabt hatte, Mom zu verlassen, so war ich jetzt darüber hinweg. Ich würde ihr nicht die Genugtuung geben, dass sie Macht über mich hatte. Niemals.

„Wenn du erlaubst“, flüsterte ich, wankte ein paar Schritte nach vorne und nahm die Tickets, meinen Pass und mein Tagebuch, bevor ich mich umdrehte und ohne einen Gruß ging.

Ohne groß darüber nachzudenken, lief ich in mein Schlafzimmer, griff nach der Tasche, die ich unter dem Bett verstaut hatte und warf noch einen letzten Blick auf mein kleines Reich. Es sah aus wie immer, niemand hatte darin herumgewühlt. Also hatte James mein Tagebuch gefunden. Ich war mir ziemlich sicher, dass er mich verraten hatte. Er hasste mich und Sam hasste er noch mehr. Für James war Sam nur ein Taugenichts. Ohne noch ein weiteres Mal zurückzublicken, rannte ich die Marmortreppe hinab, aus dem Haus und direkt hinunter zum See. Ich hatte noch fast eine Stunde Zeit, aber ich konnte keine Sekunde länger in diesem Gefängnis bleiben. Tränen liefen über mein Gesicht und jetzt wollte ich sie auch nicht mehr aufhalten. Ich setzte mich an die Stelle, an der ich vor Stunden noch mit Sam gelegen hatte und wartete auf ihn. Sobald er kommen würde, konnten wir diesen schrecklichen Ort für immer hinter uns lassen.

Ich wartete und wartete, aber Sam erschien nicht. Ich warf einen Blick zum Haus, doch in der Dunkelheit konnte ich nichts erkennen. Vermutlich war Charly schon auf dem Weg zum Flughafen. Sam verspätete sich mittlerweile schon über eine Stunde. Ob ihm etwas zugestoßen war? Ich zog die Jacke über die Schulter, nahm meine Tasche und machte mich auf den Weg in die Stadt, um Sam zu suchen.

Er wohnte in einem kleinen Apartment über einer Autowerkstatt, die Pete Hudson gehörte, und in der er als Mechaniker jobbte. Die Haustür war nie abgeschlossen, sodass ich problemlos in den ersten Stock zu seiner Wohnung konnte. Als ich die Treppe nach oben stieg, hörte ich Stimmen aus seiner Wohnung. Ein Lachen. Ich blieb stehen und hörte Sams Stimme, die mit jemanden sprach. Einer Frau. Diese Stimme kam mir beängstigend bekannt vor. Das konnte nicht sein!

Vorsichtig öffnete ich die Wohnungstür. Sam vergaß immer, sie zuzusperren. Bei mir gibt es nichts zu stehlen, also kann ich mir die Mühe sparen, war seine Devise.

Ich betrat die Wohnung und mein Herz schlug wild. Die Stimmen kamen aus dem hinteren Zimmer. Sams Schlafzimmer. Ich schloss die Augen und atmete ein paar Mal tief durch, ehe ich weiterging. Die Tür stand einen Spaltbreit offen. Ein süßlicher Duft lag in der Luft. Zaghaft öffnete ich sie, da sah ich ihn. Sam stand mit nacktem Oberkörper mit dem Rücken zu mir, sodass er mich nicht sehen konnte. Er trug eine Jeans, die ihm lässig auf den Hüften hing und als er sich zur Seite drehte, konnte ich erkennen, dass sein Gürtel geöffnet war. Er hielt eine Flasche Corona in der Hand und starrte auf die Couch, die vor ihm stand. Mir wurde furchtbar übel. Vor ihm lag meine Stiefschwester Nicole und lachte. Was zum Teufel hatte sie hier zu suchen?

„Sam?“, flüsterte ich. Meine Stimme hörte sich zugeschnürt an. Zu mehr war ich nicht in der Lage. Was sollte das?

Ganz langsam drehte er sich zu mir um und ich erstarrte, als ich sein Gesicht sah. Sams Blick war eisig und abweisend. Noch nie zuvor hatte er mich jemals so angesehen. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, sodass eine Furche zwischen seinen Augen entstand. Ich öffnete den Mund, aber mir blieben die Worte im Hals stecken. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich nichts sagen können.

„Was willst du hier, Lizzy?“

Mühsam zwang ich mich, etwas zu sagen. Nicole kicherte und griff nach Sams Bein, warf mir ein schiefes Lächeln zu und fuhr langsam an der Innenseite seines Oberschenkels nach oben. Er tat nichts dagegen. Fassungslos starrte ich die beiden an. Das konnte nicht sein. Irgendetwas lief hier völlig falsch.

„Warum bist du nicht gekommen, Sam?“ Meine Stimme klang piepsig und ich hasste mich dafür. Ich hatte das Gefühl, eine Maus zu sein, die vor einem Löwen stand. 

„Oh, er ist gekommen, Liz“, kicherte Nicole und zog sich die Decke über ihre rechte Brust, die nun bedeckt war, aber dafür ihre linke komplett frei gab. „Dreimal sogar. Tja, so wie es aussieht, hat Sam die Seiten gewechselt. Er steht jetzt auf die andere Schwester.“

„Halt endlich die Klappe, Nic“, knurrte Sam und starrte mich dabei immer noch an. Nicole kicherte und legte sich auf den Rücken. Ihre Worte drangen erst nach und nach an mein Ohr und ich spürte, wie meine Wangen rot anliefen, als ich mir ihrer Bedeutung bewusst wurde. Ich weiß allerdings nicht, ob vor Scham oder vor unbändiger Wut.

„Wir waren verabredet“, flüsterte ich hilflos.

Sam nahm einen Schluck und ließ mich dabei keine Sekunde aus den Augen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Was war geschehen? Das war nicht der Sam, den ich über alles liebte. Dieser Sam war kalt und gefühllos.

„Warum hast du es mir nicht gesagt, Lizzy?“ Sam klang völlig emotionslos. Ich versuchte, in seinen Augen ein Anzeichen zu sehen, was er damit meinte, aber er starrte mich nur hasserfüllt an.

Es schnürte mir die Luft ab. Was zum Teufel war hier los?

„Was meinst du?“

„Hör auf mit deinen verdammten Spielchen!“ Er brüllte mich an und vor lauter Schreck ging ich sofort einen Schritt zurück. Seine Augen funkelten voller Zorn. Er machte mir Angst. „Ich weiß Bescheid. Du kannst mir nichts mehr vormachen.“

Ich wusste nicht, was er meinte. Was war geschehen? Was hatte sich in den letzten drei Stunden so verändert? Ich ließ in Sekundenschnelle den Abend Revue passieren, aber ich konnte mich nicht erinnern, dass etwas vorgefallen war. Da fielen mir die Worte meiner Mutter wieder ein. James war also hier gewesen. Er hatte ihm alles erzählt.

„Er war hier, nicht wahr?“

Sam lachte, aber es hörte sich boshaft an.

„Wie lange hast du mich schon verarscht?“

„Überhaupt nicht, Sam. Es ist doch nicht wichtig!“

Mit einem Mal nahm Sam die Flasche Corona und warf sie mit aller Kraft an die Wand. Ich schrak zurück und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

„Nicht wichtig? Verdammt noch mal, Lizzy.“ Sams Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen, als er auf mich zukam. Instinktiv wich ich noch einen Schritt zurück, bis ich mit dem Rücken an die Wand stieß.

„Für eine reiche, verzogene Göre ist es vielleicht nicht wichtig, aber für mich war es mein Leben.“ Er breitete die Arme aus und brüllte mich an. „Das alles ist die reinste Hölle für mich, mein gesamtes Leben ist die pure Hölle! Diese Unwichtigkeit, wie du sie nennst, bedeutete mir alles und du hast es nicht für nötig gehalten, mir davon zu erzählen?“

Ich konnte nicht fassen, was ich da hörte. Hatte meine Mutter recht gehabt? Wollte Sam nur mein Geld?

„Es bedeutet dir also so viel?“ Mit einem Mal schossen mir Tränen in die Augen. Obwohl ich mich mit aller Macht dagegen wehrte, konnte ich nichts dagegen tun.

Ungläubig starrte er mich an. Dann schüttelte er den Kopf, ehe er mir wieder in die Augen sah.

„Es hat wohl keinen Sinn mehr, darüber zu reden. Wir haben nie zusammen gepasst, Lizzy und die heutige Nacht hat mir wieder einmal gezeigt, wie unterschiedlich wir sind. In deiner heilen, perfekten Welt mögen andere Dinge eine Rolle spielen, aber in meinem abgefuckten, beschissenen Leben gibt es nur wenige Dinge, die wirklich wichtig sind. Ehrlichkeit und Vertrauen gehörten verdammt noch mal dazu.“

 

Nun konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Sam hatte mit mir Schluss gemacht, weil ich kein Geld mehr besaß. Meine Mutter hatte Recht, die Menschen interessierten sich nur für mich, weil ich Geld besaß. Und jetzt, da ich keines mehr hatte, ließen sie mich alle fallen.

„Ich glaube, es ist besser, wenn du jetzt gehst, Elizabeth.“ Sam ging einen Schritt nach vorne und ich konnte seinen Duft riechen. Pfefferminz und nasses Holz und dazu noch ein ekelhafter Blumenduft, der von Nicole kommen musste. Er hatte mich mit ihr betrogen, während ich auf ihn gewartet hatte. Mich einfach ausgetauscht. Noch ehe ich etwas antworten konnte, drehte ich mich um und hastete die Treppen hinab. Ich wollte nichts mehr hören. Nichts mehr sehen. In diesem Moment hasste ich alles und jeden. Dieses widerliche Geld. Es hatte mir alles genommen. Ich hatte alles verloren.